{"id":793,"date":"2012-09-05T20:36:00","date_gmt":"2012-09-05T17:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/dungeondigger.com\/?p=793"},"modified":"2012-10-12T22:23:11","modified_gmt":"2012-10-12T19:23:11","slug":"dr-seltsam-oder-wie-ich-anfing-trotz-allem-zu-lacheln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/munich-munich.com\/?p=793","title":{"rendered":"Dr. Seltsam oder wie ich anfing, trotz allem zu l\u00e4cheln"},"content":{"rendered":"<p>Wer ist Dr. Seltsam? Neben der Figur in Stanley Kubricks Film, definitiv ein gro&szlig;er Teil der Japaner. Eigentlich muss man sie lieben f&uuml;r ihre Eigenarten. Zwischenzeitlich fiel mir das schwer. Mittlerweile nehme ich das als Erlebnis auf. Mal sehen, wie lange ich das schaffe.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/dungeondigger.com\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/IMG_1338.jpg?w=525\" alt=\"\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Knapp 20 Firmen oder Agenturen habe ich bereits kontaktiert, um mein Motorrad nach Kanada zu transportieren. Meist geh&ouml;rte Antwort (neben Kichern, Lachen, Glucksen): &#8222;Oh, Kanada? Das liegt nicht in Japan. Das wird schwierig! Viel Gl&uuml;ck!&#8220; Ihr ward Exportweltmeister! Export!! Und dann die Antwort, die einem &uuml;berall in Japan, zu jeder Uhrzeit, bei jeglicher Gelegenheit gegeben wird: &#8222;Sorry!&#8220; gepaart mit einer Verneigung und einem L&auml;cheln. Wenn man Gefallen daran findet, stellt man direkt im Anschluss so sinnlose Fragen, wie &#8222;Wer kann mir dabei helfen?&#8220;, &#8222;Wo sonst finde ich das Passende?&#8220;. Wie kleine spezielle Duracell-Hasen wird wett-verneigt. Aber es zeigt seine Wirkung: Wirklich b&ouml;se war ich bislang noch nie danach, sondern bin mit nem teilweise verbissenen L&auml;cheln gegangen.<br \/>\nAber ewig bleiben kann ich hier nicht. Das Land ist teuer. Ausnahmslos. Vergesst alles, was geschrieben wird, &uuml;ber g&uuml;nstiges Essen. Es ist teuer. Restaurant: Richtig teuer. Imbiss: Teuer. Supermarkt: Teurer als Imbiss. Aber alles sehr gut. Nur bei Hunger kommt man unter 10&euro; f&uuml;r eine Mahlzeit, egal wo gekauft, nicht weg. Es k&ouml;nnen auch 20&euro; werden. Und ich rede nicht von exklusiven Restaurants. Das g&ouml;nnte ich mir nur in Begleitung mit meiner Kleinen! \ud83d\ude42<br \/>\nIch hatte sogar &uuml;berlegt, nach S&uuml;d-Korea zu fahren, um von dort das Ganze zu organisieren. Soll billiger und einfacher sein. Aber zwei Tage Fahrt zum Hafen, dann neu orientieren und der Hammer: Als Deutscher darf man in S&uuml;d-Korea nicht selbst fahren. Warum auch immer. Wahrscheinlich halten wir zu oft an roten Ampeln. Sowas h&auml;lt nur auf. Egal, das ist keine L&ouml;sung. Also weiter suchen und hoffen. Air Canada, Singapore Airlines, DHL, Nippon Express, die deutsche und kanadische Botschaft u.a. zeigten sich nicht Willens zu helfen. Bestenfalls immer ein Tipp, der ins Leere lief. Pah! Was ihr nicht k&ouml;nnt, schaff ich allein. &#8230; Hoffe ich.<br \/>\nW&auml;re hilfreich, wenn ich auch mal auf jemanden treffe, der am obligatorischen Englischunterricht an den Schulen teilgenommen hat. Die Englischquote liegt selbst in Tokio unter der von Usbekistan. Es ist zum Verzweifeln.<br \/>\nDie Suche nach einer Firma, die geneigt ist, mein Geld anzunehmen, kann ich in zwei Varianten durchf&uuml;hren. Erstens per Telefon (bzw. Internettelefon) an irgendeinem Ort, an dem ich nat&uuml;rlich Internet habe oder zweitens vor Ort im Cargobereich des internationalen Flughafen Tokios, an dem ich dann nat&uuml;rlich (zumindest f&uuml;r Ausl&auml;nder in Japan) kein Internet habe. Es ist die Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Ich nehme beides. Firmen, die mir am Telefon absagen, zeigen bei pers&ouml;nlichem Besuch dann doch die Bereitschaft, sich die Sache nochmal zu &uuml;berlegen. Die Angebote bekomme ich aber per Mail, wof&uuml;r ich Internet brauche. Und das ist ein gro&szlig;es Entgegenkommen, da sie eigentlich sowas nur per Fax zusenden. SMS kennt man hier angeblich nicht. Als ich es einigen auf meinem Handy zeige, waren sie wie gebannt. Kurznachrichten von Handy zu Handy ohne Internet? Toll. Aber ich glaub sie machten nen Spa&szlig;. Wahrscheinlich hatten sie einfach nur Angst &uuml;ber unfassbare Kosten von umgerechnet 50 Ct pro SMS an eine ausl&auml;ndische Nummer. Sie hatten dann eine f&uuml;r dieses Land typische L&ouml;sung: Ich soll in mein Hotel nach Tokio fahren, dort auf das Fax warten und dann wieder zum Flughafen zur&uuml;ck. Sind ja nur knapp 20 &euro; und 4 Stunden Fahrzeit. Da schlage ich voll zur&uuml;ck und &#8230; l&auml;chle mit einem s&uuml;&szlig;en &#8222;Sorry&#8220; auf den Lippen. Das mit dem Verneigen bekomm ich auch noch hin. Also dann per Mail, auch wenn ich daf&uuml;r zum Abflugsterminal zwei Kilometer entfernt hin muss, um sie abrufen zu k&ouml;nnen.<br \/>\nAngebot des Tages: Umgerechnet 15.000 &euro; ohne Fr&uuml;hst&uuml;ck.  Ich habe das Gef&uuml;hl, ich werde noch Duracell-Verneigungshasenweltmeister. Allerdings kl&auml;rte diese Firma schon mal alles mit dem Zoll. Das war recht nett. Wir tapern da so lang und pl&ouml;tzlich bin ich beim Zoll. Ich soll alle Dokumente vorzeigen, insbesondere das Carnet de Passage. Hab ich nicht. Ich hab was viel Besseres und z&uuml;cke das abgestempelte Einfuhrformular. Und der Showdown &auml;hnlich der &uuml;blichen Karatefilmk&auml;mpfe begann. Acht Z&ouml;llner (ich hab nachgez&auml;hlt) stellen sich mir gegen&uuml;ber und z&uuml;cken jeweils ein hellgr&uuml;nes Vorschriftenbuch.<\/p>\n<p>Die Einfuhr eines ausl&auml;ndischen Motorrads ohne Carnet de Passage ist illegal!<\/p>\n<p>Ne, nicht ganz. Dieses Formular hab ich ja nicht selbst ausgew&auml;hlt oder gar abgestempelt. Das ist offiziell.<\/p>\n<p>Der J&uuml;ngste muss vor und soll die Formularnummer bekannt geben. Kaum getan, wird wild gebl&auml;ttert. Ok, abgewehrt. Ein Z&ouml;llner geht.<br \/>\nWo eingef&uuml;hrt?<br \/>\nWakkanai! (Zwei Z&ouml;llner verschwinden)<br \/>\nMist. Wann?<br \/>\nVor zwei Wochen.<br \/>\nMist. Wie? (Zwei Z&ouml;llner verschwinden)<br \/>\nPer F&auml;hre!<br \/>\nAha! Dann muss die Maschine auch per F&auml;hre ausgef&uuml;hrt werden.<br \/>\nEs gibt aber keine F&auml;hre nach Kanada.<br \/>\nMist. Dann per Schiff!<br \/>\nNe, keine Lust.<br \/>\nOh. Wie dann?<br \/>\nFlugzeug!<br \/>\nIrrelevant! Hier steht, wenn es keine F&auml;hrverbindung gibt, ist die Ausfuhrart irrelevant.<br \/>\nAlso hab ich gewonnen? (ok, das habe ich so nicht gefragt)<br \/>\nNein! Unser Vorgesetzter muss das noch best&auml;tigen.<\/p>\n<p>Klingt jetzt alles wie erfunden, ist es aber nicht.<br \/>\nInsgesamt dauerte das Hin und Her zwei Stunden und endete damit, dass alles in Ordnung sei. Am Tag darauf ruft ein Z&ouml;llner an und will wissen, ob ich es schaffe, die Maschine &uuml;ber den Flughafen Tokio (Narita) auszuf&uuml;hren. Er und seine Kollegen w&uuml;rden so gerne dieses Formular bearbeiten, das sie bislang nicht kannten. Das nenn ich Arbeitseifer!<br \/>\nDie Firma ist letztlich mit dem ganzen Prozedere &uuml;berfordert und schickt mich mit einer japanischen &Uuml;bersetzung meines Anliegens weiter. Also den ganzen Tag von B&uuml;ro zu B&uuml;ro, denke ich mir. Aber schon beim N&auml;chsten stutze ich nicht schlecht, als ich auf einmal ein Telefon in die Hand gedr&uuml;ckt bekomme und sich jemand meldet, mit dem ich tags zuvor telefoniert hatte. Dabei hatte ich extra darauf geachtet, zu dieser Firma nicht zu gehen. Zu kompliziert das angek&uuml;ndigte Verfahren. Jetzt ist er erstaunt, dass ich das B&uuml;ro am Flughafen fand. Ich bin es auch, denn an der B&uuml;rot&uuml;r steht ein komplett anderer Name. Zumindest verleitet es ihn, sein Verfahren zu &uuml;berdenken und es geht auf einmal alles relativ fix. Ich bekomme einen eigenen Platz, wo ich meine Maschine auf den Transport vorbereiten kann und &uuml;ber den Preis k&ouml;nnen wir auch noch verhandeln. Naja, ein Schn&auml;ppchen ist&#8217;s nicht gerade: Am Anfang des Telefonats sind es umgerechnet 4.500 &euro; am Ende etwas &uuml;ber 3.000 &euro;. Das tut schon weh. Da werde ich wohl auf so manches Bier verzichten m&uuml;ssen die n&auml;chsten Wochen. Allerdings darf ich mich r&uuml;hmen, den derzeitig g&uuml;nstigsten Preis f&uuml;r eine Maschine dieser Gewichtsklasse &uuml;ber den Pazifik ostw&auml;rts erhalten zu haben. Der lag bislang laut Angebotsliste bei 3.500 &euro; per Schiff und vier Wochen Wartezeit. Die Zeiten, am Anfang meiner Reise als ich mich erkundigte, bei denen Preise um die 1.000 &euro; kursierten, sind zumindest derzeit vorbei. Der Trick, s&auml;mtliche Fl&uuml;ssigkeiten aus dem Motorrad zu entfernen, dies von einer Werkstatt best&auml;tigen zu lassen und somit das Motorrad als &#8222;normales Transportgut&#8220; laufen zu lassen, funktioniert nicht mehr. Egal welche Airline ich kontaktierte, alle deklarieren gebrauchte Motorr&auml;der als Gefahrgut. Dar&uuml;ber hinaus nimmt so gut wie keine Airline ein gebrauchtes Motorrad von einer Privatperson mehr an. Es gab wohl zu viel &Auml;rger in der Zwischenzeit.<\/p>\n<p>Ein Erlebnis, vollkommen unspektakul&auml;r, passt zu diesem Land. Das Frachtlager befindet sich einige Kilometer weit entfernt vom Cargo- und Terminalbereich des Flughafens. Zumindest kommt man mit dem Bus hin und zur&uuml;ck. Ein Vorteil. Allerdings sind alle Fahrpl&auml;ne, wie auch in Tokio, ausschlie&szlig;lich auf japanisch. Ein Bahnangestellter gibt mir die Nummer der Buslinie und wo der Busbahnhof ist. Dort h&auml;ngt der Fahrplan. Einmal die Stunde f&auml;hrt der Bus. Allerdings ist in rot und auf japanisch neben der n&auml;chsten Fahrzeit etwas geschrieben. Also frage ich einen Herrn, ob das bedeutet, dass der Bus nicht f&auml;hrt. Er ist sichtlich nerv&ouml;s, da sein Englisch nicht sehr gut ist. Es reicht aber, um mir zu sagen, dass der Bus regul&auml;r f&auml;hrt. Dann verabschiedet er sich ganz schnell und meint, er m&uuml;sse jetzt zu seinem Bus, der schon wartet. Klar. Kein Problem. Hab ja alles, was ich brauch. Danke. Ich setze mich und warte. Nach einiger Zeit f&auml;llt mir ein Mann auf, der ganz eigenartig seitlich und r&uuml;ckw&auml;rts geht, mit dem R&uuml;cken zu mir. Seine Aktentasche h&auml;lt er seitlich von seinem Gesicht, so dass ich es nicht sehen kann. Dann erkenne ich ihn: Es ist der Mann, der mir eben noch geholfen hat, den Hinweis vom Fahrplan zu &uuml;bersetzen. Was hat er? Wollte er nicht mit dem anderen Bus fahren? Ich habe das Gef&uuml;hl, dass er vorher vor mir gefl&uuml;chtet ist und es ihm jetzt peinlich ist, wenn mir das auff&auml;llt. Da kommt auch schon mein Bus. Ich stehe auf, gehe zu ihm hin, nicke ihm zu und bedanke mich nochmal. Er schaut mich entgeistert an, nimmt die Aktentasche runter und kann pl&ouml;tzlich wieder problemlos gerade aus gehen. Er steigt in den selben Bus wie ich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer ist Dr. Seltsam? Neben der Figur in Stanley Kubricks Film, definitiv ein gro&szlig;er Teil der Japaner. 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