{"id":1019,"date":"2012-08-11T16:59:00","date_gmt":"2012-08-11T13:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/dungeondigger.com\/?p=1019"},"modified":"2012-11-26T13:47:41","modified_gmt":"2012-11-26T10:47:41","slug":"20-etappe-chabarowsk-vladivostok-tor-zur-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/munich-munich.com\/?p=1019","title":{"rendered":"20. Etappe: Chabarowsk &#8211; Vladivostok"},"content":{"rendered":"<p>Die Strecke von Chabarowsk nach Vladivostok erledige ich an einem Tag ohne gro&szlig;e Zwischenvorkommnisse oder irgend etwas Erw&auml;hnenswertem. Meist gut geteert, ab und zu ne Baustelle mit ein wenig Schotter. Das war&#8217;s. Aber Vladivostok ist erw&auml;hnenswert bzw. was ich dort erlebe.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/dungeondigger.com\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/IMG_1221.jpg?w=525\" alt=\"\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Kostya ruft vor meiner Abfahrt seinen Bekannten Alex des Motorradclubs &#8222;Iron Angels Vladivostok&#8220; an, um mich willkommen zu hei&szlig;en. Ich erhalte die Adresse und Alex&#8216; Telefonnummer. Der Verkehr in Vladivostok ist furchtbar. Eigentlich herrscht immer Stau. Neugierige Blicke verfolgen mich. Ein Motorradfahrer, der l&auml;ssig gegen eine Stra&szlig;enlaterne lehnt, nickt mir zu. Ich nicke zur&uuml;ck. Weiter geht&#8217;s durch den Smog. Puh, gleich geschafft. Letzte Ampel und noch knapp 200 m. Bin schon mal auf das Clubhaus gespannt. Der Motorradfahrer von eben, steht pl&ouml;tzlich mit seiner Maschine neben mir. Er nickt mir zu. Ich nicke zur&uuml;ck. Gr&uuml;n, Gas, er geradeaus, ich muss rechts abbiegen. Die angegebene Adresse existiert nicht wirklich. Eigenartige Gegend. Jedes Grundst&uuml;ck ist nicht nur mit mindestens zwei Meter hohen Mauern abgegrenzt. Es befinden sich auf den Mauern auch Stacheldrahtzaun, einzementierte Glasscherben und in jedem Grundst&uuml;ck scheint es mindestens einen Wachhund zu geben. Meine Anwesenheit wird durch ein dutzend Hunde best&auml;tigt. Frei nach Descarte: &#8222;Sie bellen, also bin ich.&#8220; da brauch ich nicht nachfragen, wo sich der Club befindet. Also Alex anrufen. Bl&ouml;d nur, dass er kein Wort Englisch kann. Naja, mein Russisch ist zwar katastrophal, aber zumindest verstehe ich ihn, dass ER neben mir an der Ampel stand und ich einfach zur&uuml;ck zur Ampel m&uuml;sse und dann rechts. Geh&ouml;rt, getan. Abgestiegen. Verbr&uuml;dert. Wodka getrunken. Gegessen. Geredet. Geduscht. Auf dem Sofa breit gemacht und geschlafen. Sehr nett hier. Nicht unbedingt sch&ouml;n, aber ich komm zur Ruhe. Es fehlt lediglich an ordentlichen sanit&auml;ren Einrichtungen. Zum Duschen muss eine Sch&uuml;ssel Wasser reichen, bzw. bei meiner Ankunft werde ich zur Wohnung von einem Clubmitglied gefahren. Damit ich mich nicht vor Ort unsicher f&uuml;hle, quartieren sich Alex und Roman, ein weiteres Clubmitglied ebenfalls ins Clubhaus ein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/dungeondigger.com\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/DSC09690.jpg?w=525\" alt=\"\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/p>\n<p>Tags drauf, zeigen sie mir die Stadt und wie man hier mit nem Motorrad trotz Stau z&uuml;gig voran kommt: Immer zwischen den Fahrzeugen durch, jede L&uuml;cke nutzen, im Zweifel die Gegenspuren verwenden. Aktives Fahren ist angesagt. Von den Autofahrern wird das kommentar- bzw. huplos akzeptiert. Und falls nicht, bekommt man es eh nicht mit, da eh st&auml;ndig gehupt wird. Eine Ger&auml;uschkulisse zum Davonlaufen. Die Luft ist zum Schneiden dick. Es geht mehrfach zum Treffpunkt der Biker: Ein kleiner Platz auf einem H&uuml;gel mit Imbiss, von wo man den neuesten Stolz der Stadt betrachten kann: Eine neue Br&uuml;cke, die am Tag nach meiner Ankunft feierlich er&ouml;ffnet wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/dungeondigger.com\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/IMG_1212.jpg?w=525\" alt=\"\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/p>\n<p>Diese Br&uuml;cke verbindet die zwei gegen&uuml;berliegende Seiten der Stadt, die wie ein U geformt ist. Bislang musste man immer durch das Zentrum, wenn man von einem Ende zum gegen&uuml;berliegende Ende wollte. Daher auch der immerw&auml;hrende Stau. Jetzt erhofft man sich eine deutliche Verbesserung. So bekomme ich dieses Bauwerk mehrfach zu allen m&ouml;glichen Uhrzeiten und Lichtverh&auml;ltnissen zu sehen. Eigentlich h&auml;tte ich Bilder machen m&uuml;ssen, wie die Menschen am Aussichtspunkt voll gro&szlig;er Erwartung diese Br&uuml;cke anstarrten. Habe ich aber nicht, da ich dies immer so interpretiert hatte, dass in jedem Moment etwas Besonderes passieren m&uuml;sste. Und so blickte ich auch wie gebannt darauf.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/dungeondigger.com\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/DSC09705.jpg?w=525\" alt=\"\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/p>\n<p>Was mir besonders positiv auff&auml;llt, und eigentlich erstaunlich ist, dass man das &uuml;berhaupt erw&auml;hnen muss: Ich kann mich frei bewegen. Es wird nicht f&uuml;r mich gedacht, geplant oder gar entschieden. Es sind zwar alle an meinem Wohl interessiert, somit fehlt es an nichts, aber das bedeutet hier nicht, dass ich in einen goldenen K&auml;fig gesperrt werde. Ob das daran liegt, dass Vladivostok als gro&szlig;e (Welt-)Hafenstadt auch weltoffener ist? Es kommt mir zumindest so vor. Nichts desto trotz: Bei einem Event MUSS ich dabei sein. Das Bikermusikfestival steigt an einem Strand in der N&auml;he.<br \/>\n Ob ich auch Gitarre spielen k&ouml;nnte?<br \/>\n N&ouml;!<br \/>\n Ob ich singen k&ouml;nnte?<br \/>\n Das wollt Ihr nicht wirklich!<br \/>\n Egal. Ich muss mit. Ist ja auch l&auml;ssig, dazu muss mich keiner zwingen. Tja, wenn ich gewusst h&auml;tte, was mich erwartet&#8230;ne, ganz so schlimm war es auch wieder nicht.<\/p>\n<p>Ich analysiere mal das Wort &#8222;Bikermusikfestival&#8220;.<br \/>\n Biker: Passt. Waren alles Biker vor Ort, bzw. deren Sozia. Die meisten sind allerdings nicht von den &#8222;Iron Angels Vladivostok&#8220;.<br \/>\n Musik: Ok, jetzt wird&#8217;s schwierig. Zumindest nicht permanent als solche zu erkennen.<br \/>\n Festival: Ja. Eine Ansammlung von wenig mehr als 30 Leuten als Festival zu bezeichnen, ist mutig.<br \/>\n Und?? Wer hat&#8217;s er&ouml;ffnet? Ratet mal. Zum Gl&uuml;ck musste ich nicht singen. Irgendein (wirklich netter) Typ in Bundeswehr-Flecktarn spricht mich an, obwohl er kein Englisch oder gar Deutsch kann. Aber das ist ja noch lange kein Grund, kein Gespr&auml;ch zu f&uuml;hren. Er kann etwas Gitarre spielen und kennt den Text seiner selbst komponierten Lieder. Ich darf, nein soll, nein muss ihn auf so einer Schellentrommel begleiten. Ich glaube, das habe ich das letzte Mal im Kindergarten gemacht. Entsprechend professionell sah das dann aus. Und jetzt kommt nicht damit daher, dass ich als Schlagzeuger das doch k&ouml;nnen muss. So ne Schellentrommel ist Kleinkram! Das fass ich doch nicht an!! \ud83d\ude09 Aber es gab KEIN Schlagzeug auf diesem Bikermusikfestival! Also bin ich da durch. Zumindest konnte ich den Takt erkennen und habe bei meinem Solo (ja, auch das blieb mir auf diesem Meisterwerk der Instrumentenbaukunst nicht erspart) nicht vollends versagt. Ich erkannte es daran, dass keiner mit Bierflaschen auf mich warf. Wom&ouml;glich litt ich von allen Anwesenden am meisten. Ok, das Festival wurde er&ouml;ffnet. Es kann nur noch besser werden. Es kann, aber es wurde nicht besser. Eigentlich wurde es immer schlimmer. Als n&auml;chstes kam ein Biker im fortgeschrittenen Alter auf die B&uuml;hne, der mit Playback &#8222;Let it be&#8220; von den Beatles auf seiner &#8230; haltet Euch fest &#8230; Blockfl&ouml;te spielte. Mein Gesicht h&auml;tte ich sehen wollen. Ich hatte jederzeit damit gerechnet, dass er entweder diese Fl&ouml;te in die &#8222;tobende&#8220; Menge wirft oder in St&uuml;cke bricht, um dann unter heftigsten Metal-Kl&auml;ngen, auch das Lied auseinandernimmt, aber daraus wurde nichts. Stoisch bis zum letzten Ton spielte er das Lied, so gut er konnte. Ein knapp Zwanzigj&auml;hriger brachte dann wirklich so etwas wie Musik hervor, als er auf seiner Gitarre ein selbst komponiertes, rocklastiges Lied spielte. Aber das war&#8217;s. Als n&auml;chstes kam die Perle von einem Biker dran. Perle? Klein und rund. Ihre Hobbys m&uuml;ssen im Sado-Bereich liegen. Anders kann man es nicht erkl&auml;ren, wie sie im viel zu knappen Mini irgendwelche russischen Schlagerpop-Lieder quietschend wiedergab. Inklusive hoppelnder Tanzeinlage. Das war eine Mischung aus den Spice Girls und den Kessler-Zwillingen. Jeweils immer das Schlechteste. Die Lieder m&uuml;ssen wohl der absolute Hammer gewesen sein, denn das war stimmungsm&auml;&szlig;ig der H&ouml;hepunkt des Festivals. Mir wurde es zu viel und ging am Strand spazieren. Ein Strand, der vollst&auml;ndig aus (mittlerweile stumpfgeschliffenen) Glasscherben bestand. Das habe ich auch noch nicht gesehen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/dungeondigger.com\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/IMG_1218.jpg?w=525\" alt=\"\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/dungeondigger.com\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/IMG_1219.jpg?w=525\" alt=\"\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/p>\n<p>Trotz einer v&ouml;llig &uuml;berdimensionierten Musikanlage f&uuml;r die Gr&ouml;&szlig;e der Veranstaltung, habe ich am Strand endlich meine Ruhe. Naja, Musik ist bekanntlich Geschmacksache. Und es ist ja nicht unbedingt so, dass Deutschland als Musikexport ausnahmslos geeignet ist. Da erinnere ich mich an die zwei Tage in Blagoweschtschensk bei Kostyas Freund Alexey. Kaum sind wir bei Alexey zuhause angekommen, geht es mit seinem Jeep durch Blagoweschtschensk zu einem Restaurant. Voller Stolz dreht er sich zu mir um, und sagt: &#8222;Deutsche Musik!&#8220; und dreht das Autoradio lauter. Rammstein. Oje. Sehr beliebt in Russland. H&ouml;rt man sehr oft. Irgendwann ist die CD aus. Erneut dreht er sich um, und meint: &#8222;Deutsche Musik!&#8220; Rammstein? &#8222;Njet! Tokyo Hotel!&#8220; Ich w&uuml;nsche mir Rammstein zur&uuml;ck. Das erste Mal in meinem Leben. Es ist einfach nur schlimm. Bislang hatte ich eine stark ausgepr&auml;gte Abneigung gegen&uuml;ber dieser Band, ohne auch nur ann&auml;hernd alle ihre Lieder zu kennen. JETZT kenne ich alle ihre Lieder (zumindest f&uuml;hlt es sich so an) und wei&szlig;, dass die Abneigung vollends begr&uuml;ndet ist. Alexey singt begeistert mit. Es folgt eine zweite CD von ihnen, aber auch die ist irgendwann zu Ende. Wer glaubt, das Leiden hat ein Ende, irrt. Deutschland hat noch mehr zu bieten als Rammstein und Tokyo Hotel. Es kommt die Kr&ouml;nung. Dieses Mal k&uuml;ndigt er es aber nicht an, da er scheinbar nicht wei&szlig;, dass es eine deutsche Gruppe ist. Ich erkenne sie aber innerhalb weniger Augenblicke und leide unermesslich. Ich w&uuml;nsche mir zwar nicht Tokyo Hotel zur&uuml;ck, denn ich wei&szlig; eigentlich nicht, was schlimmer ist, aber ich w&uuml;nsche mir einen Blitz, der in das Auto einschl&auml;gt und die Elektrik ausfallen l&auml;sst. Aber keine Sternschnuppe in Sicht, die mich erh&ouml;ren k&ouml;nnte. Somit muss ich bis zum Schluss, die Ikonen des schlechten Geschmacks anh&ouml;ren: Modern Talking.<br \/>\n Zur&uuml;ck nach Vladivostok. Alex und die Biker der Iron Angels haben auch genug und wollen los. Da bin ich dabei. Zuvor werde ich sehr nett von allen Anwesenden verabschiedet.<br \/>\n Danach ging es wieder zur Br&uuml;cke, die immer noch nicht f&uuml;r den Stra&szlig;enverkehr freigegeben wurde, aber bei Sonnenuntergang bislang noch nicht betrachtet wurde und zur&uuml;ck zum Clubhaus. Am n&auml;chsten Tag will ich dann eigentlich los, aber es setzt ordentlicher Regen ein. Alex ist KFZ-Mechaniker und bietet mir an, meine Maschine mal durchzuchecken. Gute Idee. Da war ja noch das Problem, dass ich seit Blagoweschtschensk ja nicht mehr gerade aus fahre, wenn ich gerade aus lenke. Er behebt das Problem und ich kann tags darauf los, um Richtung Japan auf Umwegen zu erreichen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/dungeondigger.com\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/DSC09702_2.jpg?w=525\" alt=\"\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Strecke von Chabarowsk nach Vladivostok erledige ich an einem Tag ohne gro&szlig;e Zwischenvorkommnisse oder irgend etwas Erw&auml;hnenswertem. Meist gut geteert, ab und zu ne Baustelle mit ein wenig Schotter. Das war&#8217;s. 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